Q & A mit Beauty-Milliardär und Wohltäter John Paul DeJoria

Von Katrin Roth, 26. September 2016

jp_headshot_2011_d2v-new-2011

Als Farmer Johnny in der US-Reality-Show «Shark Tank» seine Erfindung Tree T-Pee präsentiert – eine Art Plastikkübel, mit dem sich beim Bewässern von Plantagen viel Wasser einsparen lässt –, bekommt er einiges zu hören. Nicht wegen des Produktes an sich, von dem er alle Juroren überzeugen kann. Sondern wegen seines Businessplans, der ganz bewusst einen relativ kleinen Gewinn vorsieht, um damit auch weniger vermögenden Bauern die Investition zu ermöglichen, wie der stämmige Mann den Jurymitgliedern erklärt. Und damit die Aufmerksamkeit von John Paul DeJoria gewinnt, der sich noch vor Ort per Handschlag dazu verpflichtet, als Investor in das Geschäft einzusteigen. «Ich mag Deine Einstellung, Johnny, genau so denke ich auch. Lass uns zusammen die Welt verbessern.»

Mit dieser Szene beginnt der Film «Good Fortune» über den Mitbegründer von Paul Mitchell Systems und The Patron Spirits Company, der vergangenen Donnerstag am Eröffnungsabend des diesjährigen Zürich Film Festival gezeigt wurde.

Der Filmtitel, das nur am Rande, passt perfekt: «Good Fortune» heisst wörtlich übersetzt «gutes Vermögen» und bedeutet im englischen so viel wie «Glück» oder «glückliche Fügung». Bezogen auf den Protagonisten trifft beides zu, denn J.P., wie er sich nennt, hat es aus eigener Kraft von ganz unten zum mehrfachen Milliardär gebracht, der gemäss seines Mottos «unshared success is failure» einen grossen Teil seines Vermögens in wohltätige Projekte investiert.

Tja, und das wiederum, finde ich, ist nicht nur für Johnny, sondern letztlich für uns alle ein Glücksfall.

Aber bevor es nun allzu rührselig wird – bei mir flossen natürlich bereits in der ersten Minuten die Tränen –, oder, noch schlimmer, bevor ich Dir zu viel über diesen absolut zauberhaften Film verrate, wechseln wir darum lieber schnell das Thema. Und reden nicht mehr über den Mann der Stunde. Sondern mit ihm. Ganz exklusiv beim Spaziergang durch Zürich, wo ein trotz Jetlag und Interview-Marathon extrem gut gelaunter J.P. über Schönheit, Geld und Selbstliebe sinniert.

 

jp-and-katrin-walking-through-zh

JP, Sie haben das erreicht, was die Menschen als «american dream» bezeichnen, weil Sie es aus ärmlichen Verhältnissen durch harte Arbeit zu viel Wohlstand geschafft haben. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Das ist kein Geheimnis, sondern ganz einfach: Ich war gut vorbereitet auf Rückschläge – und gab nie auf!

So wie damals, als der Wirtschaftslehrer an Ihrer Schule Sie und Michelle Phillips – die später international bekannt wurde als Sängerin von The Mamas and Papas – vor der ganzen Klasse aufstehen liess und sagte, «aus diesen beiden wird nie etwas»?
Richtig, man gab uns nicht allzu grosse Chancen (grinst).

Sie liessen sich davon nicht beirren auf ihrem Werdegang und nahmen nach eigenen Aussagen einfach jeden Job an, um Geld zu verdienen…
… das stimmt. Angefangen hat das mit dem Verkauf von selbstgebastelten Weihnachtskarten als ich neun Jahre alt war. Gemeinsam mit meinem Bruder versuchten ich auf diese Weise das Einkommen unserer Mutter ein wenig aufzubessern.

Hat es geklappt?
Erstaunlicherweise ja, obwohl wir total nervös waren. Aber das legte sich, nachdem wir die erste Karte an eine besonders nette Kellnerin verkauft hatten.

Welches war die härteste Arbeit, die Sie je für Geld gemacht haben? 
(denkt nach). Wirklich hart für mich war es, als ich in der Geschäftsleitung eines grossen Konzerns für die Schulung anderer Manager zuständig war und dabei feststellten musste, dass meine Chefs sich nicht einen Deut um das Team scherten, sondern nur an die Aktionäre und ihren eigenen Gewinn dachten. Das hielt ich schlicht nicht lange aus und habe bald gekündet.

Mittlerweile sind Sie selbst der Chef mehrerer Firmen…
… und mir ist es extrem wichtig, dass sich all meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wohl fühlen. Meiner Meinung nach ist ein gutes Arbeitsklima die Basis für ein erfolgreiches Unternehmen – auf menschlicher, aber auch ökonomischer Basis.

Mit Blick auf Ihr grosses Vermögen hat sich diese Strategie offenbar bewährt. Was ist für Sie die beste Sache, die man sich mit Geld kaufen kann?
Guter Schlaf (lacht).

Wirklich?
Ja, das ist mir absolut ernst! Seit ich keine Geldsorgen mehr habe, gehe ich am Abend gerne ins Bett. Früher war ich oft genug die ganze Nacht wach, weil ich keine Ahnung hatte, womit ich meine Rechnungen zahlen sollte.

Welcher Gegenstand befindet sich am längsten in Ihrem Besitz?
Oh boy, das ist eine schwierige Frage. Meine Geburtsturkunde vielleicht? (lacht). Spass beiseite… (denkt nach). Doch, jetzt weiss ich’s: Ich habe immer noch meine Schärpe aus Pfadfinderzeiten mit vielen Abzeichen daran. Fragen Sie mich aber bitte nicht, warum ich ausgerechnet dieses Erinnerungsstück aufbewahrt habe, mir kommt kein plausibler Grund in den Sinn!

Dafür wissen Sie sicher noch, welche Entscheidung Ihr Leben für immer veränderte, oder?
Und ob! Das war im Jahre 1980, als ich zusammen mit Paul Mitchell eine Firma gründete. Unser Startkapital betrug gerade mal 700 Dollar, wir waren so knapp bei Kasse, dass wir nur eine ganz kleine Auflage der Produkte herstellen lassen konnten, die wir persönlich in den verschiedenen Salons vorstellten.

Andere hätten unter diesen Umständen wohl gleich wieder aufgegeben…
… mag sein, aber darüber haben wir nie nachgedacht, dafür waren wir viel zu überzeugt von unseren Produkten.

Eines Ihrer Mantras ist: «Wer sich selbst liebt, wird zu einem glücklichen Menschen». Was mögen Sie am meisten an sich selbst?
Meine Eigenschaft, immer glücklich zu sein. Das ist nicht selbstverständlich und entsprechend bin ich unendlich dankbar dafür.

Im Film sagen Sie einmal, dass wir uns alle immer fragen sollten, ob wir wirklich die beste Version von uns selbst sind. Wann stellten Sie sich zum ersten Mal selbst diese Frage?
Als ich von Tür zu Tür zog, um Enzyklopädien zu verkaufen und dabei erst einmal auf der ganzen Linie scheiterte. Nach etwa der hundertsten Absage begann ich, mich in die Lage dieser Menschen zu versetzen, die alle nicht auf mich und diese Bücher gewartet hatten und mir wurde klar, dass ich meine Strategie ändern musste.

Inwiefern?
Ich begann den Menschen nicht Bücher, sondern Bildung zu verkaufen. Das wollten alle und plötzlich lief das Geschäft gut. Im Verkauf kommt es auf die richtige Wortwahl an – und man muss schnell auf den Punkt kommen.

Josh und Rebecca Ticket, die Regisseure des Films ‚Good Fortune‘, sagen über die Arbeit mit Ihnen: «John Paul hat uns immer wieder erstaunt mit seiner unendlichen Energie, seiner grenzenlosen Begeisterungsfähigkeit und seinem tiefen Glauben in das gute der Menschen». Was macht Sie zu einem dermassen positiven Menschen?
Keine Ahnung, ich bin einfach so.

Schlechte Laune ist also ein Fremdwort für Sie? 
Nein, natürlich nicht. Mein Umfeld bekommt es einfach nicht unbedingt mit, weil ich niemanden damit belästigen möchte.

Sie haben also keinen Tipp gegen miese Stimmung?
Nope. (zögert). Obwohl, das stimmt nicht: Zwei Shots Tequila helfen immer – aber nur, wenn er von Patron ist. (grinst). Man muss ihn eiskalt in kleinen Schlückchen trinken und nach fünf Minuten ist die Welt wieder in Ordnung. Das war jetzt ein hübscher Werbespruch für Patron Tequila, oder?

Ja, man merkt, dass Sie ein guter Verkäufer sind. Auch ihre Karriere im Beauty-Business hat mit dem Vertrieb von Haarpflegeprodukten angefangen. Wie aber kam es überhaupt, dass Sie in dieser Branche gelandet sind? 
Wie gesagt, ich brauchte Geld und nahm dafür jede Arbeit an, die mir angeboten wurde. Letztlich blieb mir gar nichts anderes übrig.

Wieso?
Sehen Sie, als ich 22 Jahre alt war, verliess mich die Mutter unseres gemeinsamen Sohnes. Ich weiss noch ganz genau, wie ich nach Hause kam und sie mich um den Autoschlüssel bat, weil sie angeblich noch Besorgungen machen wollte. In der Wohnung wartete unser zweijähriges Kind auf mich und ich entdeckte einen Zettel, auf dem stand «sorry, ich schaffe das alles nicht mehr». Kurz darauf merkte ich, dass sie all unsere Ersparnisse mitgenommen und im übrigen seit drei Monaten die Miete nicht mehr gezahlt hatte. Mir blieben wenige Tage, dann musste ich die Wohnung verlassen und stand auf der Strasse, bevor mir ein Freund Unterschlupf gewährte.

Dieser Freund, den Sie erwähnen, war wiederum eng befreundet mit Mitgliedern von verschiedenen Motorrad-Gangs, unter anderem auch mit den Hells Angels…
… ja, das waren, wie man so schön sagt, richtig schwere Jungs, aber sie hatten alle ein grosses Herz. Die Girls aus der Gruppe passten auf mein Kind auf, während ich arbeitete und am Wochenende fuhren wir gemeinsam aus. Es war eine ganz besondere Zeit. Aber, um auf Ihre Frage zurück zukommen: Letztlich ist es purer Zufall, dass ich ausgerechnet in der Beauty-Branche Fuss fasste.

Inwiefern ist dieses Business einzigartig?
Ich kann nur über Haare reden, aber da ist es klar: Menschen, die schönes Haar haben, fühlen sich besser. Es geht in diesem Beruf also um Gefühle und gar nicht so sehr um Äusserlichkeiten.

Haben Sie trotzdem einen speziellen Beauty-Tipp?
Pflegen Sie ihre Haare immer mit guten Produkten! Und: Lächelt, seid glücklich – das macht schön.

Kommen wir zum Abschluss nochmals auf den «american dream» zurück: Welche Träume haben Sie heute?
Weiterzumachen mit meinem Lebenswerk. Ich möchte mit meiner Arbeit und meinem Geld die Welt zu einem besseren Ort machen. So einfach ist das.

 

jp-on-a-bike

PS: Weil die Première von «Good Fortune» am Zürich Film Festival bereits vorbei ist und noch nicht feststeht, wann der Film in den Schweizer Kinos gezeigt wird, habe ich mich bei der reizenden Fabienne vom ZFF nach weiteren cineastischen Schmankerln erkundigt, die man gesehen haben sollte. Ihre Tipps: «Dancer» und «Unsere Zeit ist jetzt».

Kommentare